Persönliche Patientengeschichte kann helfen!

Vens_Andrea-kleinDie Stiftung LebensBlicke dankt Frau Andrea Vens sehr herzlich für die großartige Bereitschaft, ihre persönliche Lebensgeschichte mit der Diagnose Darmkrebs zu erzählen. Ihr offener Umgang mit der schwerwiegenden Erkrankung und ihrer Bewältigung ist beispielhaft und sollte vielen Menschen in einer ähnlichen Situation helfen. Lesen Sie nachfolgend ihre beeindruckende Geschichte: “Freitag der Dreizehnte” - Ich wurde im August 1967 in Essen geboren. Dort besuchte ich die Schule, die ich mit dem Abitur beendete, um danach eine Ausbildung zur Augenoptikerin zu machen.
Das Thema Krebs bestimmte 1988 zum ersten Mal mein Leben. Ich war 20 Jahre alt, als mein Vater an Speiseröhrenkrebs erkrankte. Leider waren seine Prognosen nicht gut und so verstarb er sechs Monate später, im Alter von 49 Jahren. Meine Welt geriet damals völlig aus dem Gleichgewicht. Ich war zu diesem Zeitpunkt 21 Jahre alt und nicht bereit, einen Menschen, der mir so viel bedeutete, gehen zu lassen. Ich fühlte mich schrecklich hilflos, da ich zusehen musste und nichts für ihn tun konnte. Krebs wurde zu meinem Schreckgespenst und die unterschwellige Angst, dass es mich auch einmal „erwischen“ könnte, begleitete mich von diesem Zeitpunkt an.

Ich heiratete 1992 und brachte 1997 unsere Tochter zur Welt. Im Jahre 1999 zog ich mit meiner kleinen Familie aufs Land an den Niederrhein. Dort kauften wir eine alte Schule, die wir mit viel Liebe renovierten und zu einem drei Generationenhaus machten.
Das Thema Krebs und Vorsorge habe ich nie aus dem Blick verloren und Vorsorgeuntersuchungen genutzt. So auch im Mai 2014. Im Rahmen einer gynäkologischen Vorsorge machte ich einen Stuhltest. Ich entschloss mich zu der Untersuchung, obwohl ich zu keiner der Risikogruppen gehörte. Einige Tage später rief mich meine Frauenärztin an, um mir zu sagen, dass der Test positiv sei. Sie riet mir zu einer Darmspiegelung, die ich unverzüglich durchführen ließ. Das Ergebnis war für meine Familie und mich niederschmetternd. Der behandelnde Arzt klärte uns über ein Karzinom in meinem Darm auf. Mein erster Gedanke war, jetzt ist es also soweit. Deine jahrelange Angst hat Gestalt angenommen.
Als ich dem Arzt gegenüber äußerte, dass ein Freitag der 13. wohl kein gutes Datum für solch eine Untersuchung sei, erwiderte er, ich solle den Tag wohl eher als meinen persönlichen Glückstag in den Kalender eintragen. Den Tumor so frühzeitig und zufällig zu finden sei mein Glück! Das konnte ich zu diesem Zeitpunkt nicht so sehen. Ich hatte einfach nur schreckliche Angst.
Nach der Diagnose nahm alles seinen Lauf und die nötigen Untersuchungen wurden angeordnet. Am 25.6.2014 war es dann endlich soweit, die Operation wurde durchgeführt. Als ich von der Schwester in den OP-Bereich geschoben wurde, hatte ich große Angst vor der OP und dem, was die Ärzte vielleicht noch finden würden. Wieder folgten scheinbar endlose Tage, an denen wir auf den histologischen Befund warteten. Dieser fiel dann glücklicher Weise sehr positiv aus. Der Tumor befand sich in einem frühen Stadium und es war keiner der 18 entnommenen Lymphknoten befallen. Aufatmen!!! Ich bekam weder eine Chemo noch eine Bestrahlung und wurde nach wenigen Tagen in die Reha entlassen.
Meine Narbe verheilte gut und ich wollte so schnell wie möglich in mein altes Leben zurückkehren. Das ist mir gut gelungen und ich nehme heute genauso am Leben teil, wie ich es vor meiner OP getan habe. Wir sind vom Tag der Diagnose bis heute sehr offen mit meiner Erkrankung umgegangen. Es ist kein Makel und sollte auch kein Tabu sein, wenn man an Krebs erkrankt. Wir haben tolle Freunde, die uns in dieser schweren Zeit viel Kraft und Rückhalt gegeben haben. Das war nur möglich, weil wir mit „offenen Karten“ gespielt haben.
Sechs Monate nach der OP habe ich begonnen, die Erkrankung meines Vaters und meine eigene, voneinander zu trennen. Er war nach sechs Monaten tot, aber ich war hier und es ging mir gut! Meine Prognose ist gut und das habe ich nur der Vorsorgeuntersuchung zu verdanken! Ich gelte heute als geheilt. Dennoch gibt es auch bei mir die Tage, an denen ich daran zweifle und mich die alte Angst einholt…..
Mit Hilfe guter Ärzte, meiner Freunde und meiner Familie habe ich diese Herausforderung gemeistert. Ich wollte zu keiner Zeit mit meiner Familie „tauschen“, denn ich kenne ja aus eigener Erfahrung auch die Position der Angehörigen.
Natürlich gehört Krebs weiterhin zu meinem Leben und jetzt auch zum Leben meiner Tochter. Sie muss frühzeitig zur Vorsorgeuntersuchung, da sie durch meine Erkrankung möglicherweise vorbelastet ist. Doch auch bei ihr gilt „Gefahr frühzeitig erkannt – Gefahr gebannt“.
Ich würde mir wünschen, dass die Darmkrebsvorsorge so selbstverständlich wird, wie die Vorsorgeuntersuchung beim Gynäkologen und kein Tabuthema mehr ist. Ich habe daher sehr gerne meine Geschichte auf der Benefiz-Gala „Duisburg gegen Darmkrebs“ am 28. März 2015 in einem Gespräch mit dem ARD-Tagesschausprecher Jan Hofer öffentlich gemacht und bin auch gerne bereit, meine persönlichen Erfahrungen als Patienten-Botschafterin der Stiftung LebensBlicke zur Verfügung zu stellen.,

Andrea Vens