Aspirin sorgt immer wieder für Schlagzeilen

Die Acetylsalicylsäure (ASS) ist in der Prävention des kolorektalen Karzinoms nicht unumstritten; sie wird z. B. von der deutschen S3 Leitlinie KRK für die Primärprävention nicht empfohlen. In einer aktuellen Studie, die eine retrospektive gepoolte Analyse von zwei großen amerikanischen Kohorten-Studien zum Inhalt hatte, fanden Forscher jetzt heraus, dass die regelmäßige langjährige Einnahme von Aspirin doch mit einem signifikant niedrigeren Risiko für eine Darmkrebserkrankung bei über 70-jährigen assoziiert war. Sie fanden aber auch, dass dieser Zusammenhan nur gegeben ist bei solchen Menschen, die Aspirin vor dem 70. Lebensjahr regelmäßig genommen haben. Die Einnahme nach dem 70. Lebensjahr führte nicht zu einer Risikoreduktion. Die analysierten Daten stammen aus der umfangreichen Nurses’ Health Study sowie der prospektiven Health Professionals Follow-up Study  (JAMA Oncology 2021; 7:428-435).

Zwischen positivem Test und Koloskopie maximal 6 Monate

Eigentlich ist es eine Conditio sine qua non: ein positiver Stuhltest sollte auf jeden Fall durch eine möglichst rasche Darmspiegelung abgeklärt werden. Die Realität sieht leider anders aus. Amerikanische Wissenschaftler haben sich dieses Themas angenommen und in einer retrospektiven Kohorten-Studie mit >200.000 Patienten herausgefunden, wie nicht anders zu erwarten, dass die Wahrscheinlichkeit einer Krebsdiagnose mit zunehmender Wartezeit deutlich ansteigt. Das gilt nicht nur für frühe, sondern besonders auch für fortgeschrittene Karzinome. Was folgert daraus? Bei der Aufklärung über Chancen und Risiken des Stuhltests in der Vorsorge des kolorektalen Karzinoms muss mit Nachdruck darauf hingewiesen werden: 1. Das Risiko, ein fortgeschrittenes Karzinom zu finden oder daran zu sterben, steigt mit zunehmendem Abstand zwischen positivem Stuhltest und Koloskopie und 2. Es erscheint sicher, wenn die Koloskopie innerhalb von 6 Monaten durchgeführt wird (Gastroenterology 2021;160:1997-2005).

Personalisierte Therapien werden immer wahrscheinlicher

Amerikanische Forscher haben ein Modell entwickelt, das das Sterberisiko für vier Krebsarten – Prostata-Lunge-Darm-Eierstock – (PLCO-Studie) innerhalb eines Zeitraums von zehn Jahren sehr präzise vorhersagen kann. In dieses Modell fließen neben Tumormerkmalen auch medizinische und demographische Informationen des individuellen Patienten ein. Dieses Modell mit offensichtlich hoher prädiktiver Leistung erlaubt in Zukunft wahrscheinlich immer besser die personalisierte Behandlung der genannten Krebserkrankungen, vor allem auch des kolorektalen Karzinoms (Bibault et al. Gut 2021;70:884-889).

Darmkrebs: Signifikante Unterschiede beim Mikrobiom

Die Zusammensetzung des Mikrobioms bei Patienten mit kolorektalen Karzinomen, kann – in Abhängigkeit der Lokalisation und intratumoralen Heterogentität – signifikante Unterschiede zeigen. Dies zeigt eine aktuell in der Fachzeitschrift “Gastroenterology” veröffentlichte Studie. Die Wissenschaftler um Weixin Liu machen deutlich, dass eine einfache Korrelation von Mikrobiom mit der Genetik des kolorektalen Karzinoms daher nicht ausreichend ist. Die Heterogenität des Karzinoms spiegelt sich damit auch in der Heterogenität des Mikrobioms wider. Dies erklärt nicht nur die intertumorale, sondern auch die intratumorale Heterogenität.

Cancer Survivors: Lebensqualität trotz Beeinträchtigungen

Wie es Menschen nach einer durchgemachten Krebserkrankung im Vergleich zu Altersgenossen ohne Krebserkrankung geht, wurde in einer Studie an 2.700 Langzeitüberlebenden (Cancer Survivors) untersucht. Ihre Diagnosen von Brust-, Darm- oder Prostatakrebs lagen 14 bis 24 Jahre zurück. Die Wissenschaftler um Volker Arndt vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg stellten fest, dass die Langzeitüberlebenden ihre gesundheitsbezogene Lebensqualität bzw. ihren allgemeinen Gesundheitsstatus sogar geringfügig besser als Menschen der Kontrollgruppe bewerteten, obwohl sie mehr körperliche und soziale Beeinträchtigungen angaben. Hier geht’s zur Pressemeldung des DKFZ. Grafik: DKFZ

Darmkrebs-Frühkarzinom: Risikoprädiktion mit Liquid Biopsy

Die aktuelle retrospektive Studie zum Wert der “Liquid Biopsy bei kolorektalen Frühkarzinomen” ist ein Meilenstein in der Personalisierung der Therapie der Frühkarzinome. Die Fortentwicklung dieser Liquid Biopsy – des Nachweises von Tumor-DNA und Tumor-RNA sowie zirkulierenden Tumorzellen (CTCs) im Blut – dient der frühen Diagnostik bzw. des frühzeitigen Metastasierungsnachweises. Die zusammengetragenen Daten, vor allem die ausgewählten Marker, können Grundlage für eine nicht-invasive Risikoprädiktion sein. Sie ermöglichen eine extreme Reduktion des heute noch alltäglichen Over-Treatments dieser Patienten. Die Autoren sprechen von einer Reduktion von heute 92% auf 18%. Trotz  (zu erwartender) niedriger Raten positiver Lymphknoten von 8 bzw. 11% findet sich eine Prädiktionsfähigkeit von über 90%. Die Ergebnisse müssen in weiteren prospektiven Interventionsstudien bestätigt werden; aber das klinische Potenzial ist riesig. Siehe Expertenkommentare.

Unauffällige Erstkoloskopie: Kontrolle erst nach >10 Jahren?

Die bisherigen Empfehlungen sehen nach einer unauffälligen ersten Vorsorgekoloskopie eine Kontrolle nach zehn Jahren vor. Schwedische Forscher haben in einer Kohortenstudie prospektiv gesammelte Daten  mit der Frage ausgewertet, ob für Menschen >50 Jahre mit normaler Darmkrebsschleimhaut, bioptisch gesichert, ein längeres Kontroll-Intervall möglich wäre. Sie fanden, dass eine unauffällige Screening-Untersuchung mit bioptisch normaler Darmschleimhaut in der Tat mit einer auch bis zu 20 Jahren nach Erstuntersuchung noch anhaltenden deutlichen Reduktion der Darmkrebs-Inzidenz und  -Mortalität verbunden war. Diese Studie könnte nach Meinung von Professor Riemann, Vorstandsvorsitzender der Stiftung LebensBlicke, die Diskussion über ein verlängertes Kontrollintervall  nach unauffälligem Erst-Screening auch in Deutschland eröffnen (Song et al., Am J Gastroenterol 2021;116:382-390).

COVID-19 Pandemie – Auswirkung auf Darmkrebs in England

Ähnlich wie in Deutschland hat die COVID-19 Pandemie auch in anderen EU-Ländern zu einem deutlichen Rückgang in Erkennung und Management von Patienten mit Darmkrebs geführt. In einer populationsbasierten Studie konnten britische Wissenschaftler zeigen, dass gerade in der ersten Corona Welle Anfang 2020 mit über 60% ein dramatischer Rückgang von Patienten zu verzeichnen war, die sich mit der Verdachtsdiagnose Darmkrebs vorstellten. Beobachtet wurde ebenfalls ein massiver Rückgang der Koloskopien um 92% sowie der chirurgischen Eingriffe wegen Darmkrebs um 31%. Diese Zahlen haben sich bis Oktober 2020 zwar langsam erholt, lagen aber immer noch unterhalb üblicher Frequenzen. Vor dem Hintergrund weiterer Pandemie-Wellen sind diese Daten sehr besorgniserregend, offenbaren sie doch eindrücklich, zu welchen Kollateralschäden eine so schwere globale Pandemie auch in diesem Bereich führen kann (Morris EJ, Goldacre R, Mafham M et al. Lancet Gastroenterol Hepatol 2021; 6:199-208).